post

Vater und Sohn

In den meisten Fällen sind es die Mütter, die in meine Praxis kommen, um herauszufinden, warum ihr Sohn schwierig ist, nicht „funktioniert“ oder man fühlt und ihm ansieht, dass es ihm nicht gut geht. Sie erzählen mir von Lethargie, Lust- und Antriebslosigkeit und Anzeichen von mangelndem Selbstwert.  In den häufigsten Fällen sind dies in meiner Praxis tatsächlich die Söhne – deshalb richtet sich dieser Beitrag hier nur an die Väter von Söhnen.

Im Zuge der Coachingsitzung wird dann nämlich häufig klar, dass es dem Sohn nicht gut geht, weil die Rolle des Vaters in dem Familiensystem instabil, belastet oder gar nicht besetzt ist. Viele Väter sind beruflich so stark eingespannt, dass sich diese Anspannung auch aufs Familienleben und die Freizeit auswirkt. Das Bedürfnis nach Ruhe und eigener Zeit ist verständlich, aber ein gereizter, mental-emotional oder körperlich abwesender Vater trägt zur Entwicklung des Sohnes nicht fördernd bei, sondern verringert sogar den Selbstwert und das Gefühl der Selbst-Wirksamkeit bei Söhnen.

Viele Väter haben selbst möglicherweise gar nicht gelernt, was das „Mannsein“ bedeuten könnte. Vielleicht haben sie selbst einen abwesenden Vater gehabt, sind bei allein erziehenden Müttern aufgewachsen oder haben schon als Kind gelernt, dass Leistung und Funktionieren das Wichtigste im Leben ist. Vielleicht haben Sie auch eine leidende, überforderte Mutter erlebt und für sich entschieden, dass Anpassung und Funktionieren der beste Weg ist, um nicht zur Last zu fallen.

Dabei ist ein souveräner, kraftvoller Vater das wichtigste Rollenvorbild für den Sohn – durch ihn wird er zum selbstbestimmten, unabhängigen Denker, zum selbstbewussten Vertreter des eigenen Standpunkts und durch ihn findet er auch seinen stabilen Platz in der Gesellschaft. Dieser Einfluss beginnt natürlich schon am ersten Tag seines Lebens. Durch den Vater erfährt der Sohn Fürsorge, Halt und Grenzen. Der Vater gibt auch die ersten Impulse in Bezug auf das andere Geschlecht – Respekt, Wertschätzung und Liebe zur Mutter geben dem Sohn das Gefühl von Sicherheit und werden sich prägend auf seine eigenen späteren Liebesbeziehungen auswirken.

Durch den Vater lernt ein Sohn die körperlichen Dinge wie Rangeln, Klettern, sich Messen, Höhlen bauen und Feuer machen – eben die kleinen und großen Abenteuer, die Jungs so dringend brauchen, um ihre Umwelt zu entdecken. Durch das Überwinden von Grenzen in der Sicherheit, dass der Vater auffängt, tröstet und Mut macht, lernt der Sohn, die eigene Kraft und Stärke zu spüren.  So entsteht das Selbstbewusstsein und das Gefühl „Ich kann das!“

Durch den Vater muss ein Sohn Anerkennung, Lob und Rückendeckung erhalten. Er braucht das starke Gefühl „Egal, was ich tue – mein Vater steht hinter mir. Ich darf mich ausprobieren, Fehler machen, falsche Entscheidungen treffen und mutig sein – mein Vater liebt mich, ist stolz auf mich, gibt mir Rückhalt und wird mich nicht dafür bestrafen.“

Aus einem Vortrag von Peter Brandl zum Thema „Die Kunst, schwere Entscheidungen zu treffen“ ist mir der Satz hängengeblieben: „Man muss Menschen (Schülern, Kindern) die Möglichkeit geben, überlebbare Fehler zu machen. Nur so sind sie später in der Lage, selbstbewusst Entscheidungen zu treffen.“  Leider wird dies schon in der Schule durch frühe Bewertungen und den Fokus auf die Fehler unmöglich gemacht – umso wichtiger ist der erlebbare Spielraum in der Familie.

Apropos Spielraum:

Viele Väter möchten ihre Söhne gern in jeder Hinsicht unterstützen, aber ein zu voller Terminkalender für Kinder führt diese vielfach in die Überforderung. Auch wenn es um Dinge geht, die Spaß machen, ist es für das Kind oft förderlicher, unverplante Zeit zu haben, um die eigene Kreativität zu entdecken und auf eigene Faust Lösungen zu finden. Der Neurobiologe Gerald Hüther sagt in einem Interview:  “Spielen ist Dünger für das Gehirn und Kraftfutter für Kinderseelen. Damit das riesige Potential an Vernetzungsmöglichkeiten im Gehirn möglichst gut stabilisiert werden kann und die in unseren Kindern angelegten Talente zur Entfaltung kommen, müssen wir ihnen so lange wie möglich die Gelegenheit bieten, spielen zu können. Aus der Gehirnforschung weiß man, dass völlig absichtsloses Spielen für die besten Vernetzungen im Gehirn sorgt.“

Eine glückliche und fröhliche, unbelastete Kindheit  mit einem lebensfrohen, positiven und starken Vater ist die Basis dafür, dass Söhne zu zufriedenen und selbstbewussten Männern werden.

 

 

Share on FacebookTweet about this on TwitterPin on PinterestShare on TumblrShare on LinkedInEmail this to someone