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Der Baum

 

„Es gehört sich, dass wir zusammen gehen“ sagte die Frau, denn so kannte sie es. „Ja“, sagte der Mann, „ich will uns ein Haus bauen, damit es alle sehen können und wir darin wohnen können“. Und er baute ihnen ein Haus. Es war ein schönes, kleines Haus. Es war praktisch. Es war einfach. Es hatte vier Wände, ein Dach. Man konnte herumgehen, denn es hatte auch einen kleinen Garten dahinter. Es hatte auch eine kleine Terrasse. Dort konnte man, wenn die Zeit es zuließ, in der Sonne sitzen.

Als sie dort so saß, merkte die Frau, dass etwas fehlte und sagte zu ihrem Mann: „Lass uns auch einen Baum pflanzen. Ein Haus und ein Baum – das gefällt mir“. Und so pflanzten sie auch einen Baum, denn ihm gefiel das auch.

Von ihrer Terrasse aus konnten sie dem jungen Baum beim Wachsen zuschauen. Sie gaben ihm anfangs ausreichend Wasser, banden ihn auch an stabile Pflanzstäbe und entfernten diese erst, als er groß genug schien. Es war ein besonders schöner junger Baum, mit guten Wurzelwerk, einem kräftigen kleinen Stamm und hübschen Blättern. Er gefiel beiden sehr.

Eines Tages kam ein Nachbar vorbei und sprach: „Euer Baum sieht komisch aus. Er wächst ja ganz schief!“ Und tatsächlich, ohne das die beiden es bemerkt hatten, hatte ihr kleiner Baum kräftige Triebe und Äste vom Hause weg – zur Sonne hin – ausgebildet!

„Das geht natürlich nicht“, sagte der Mann. „Wenn er diese Zweige noch verstärkt, wird er unweigerlich umfallen“.  Denn er hatte so etwas schon irgendwo einmal gehört. Und er holte seine Säge und nahm die stärksten Zweige dicht am Stamm ab. Diese Zweige waren vom Haus abgewandt und so konnten beide nicht sehen, dass die Wunden noch sehr lange brauchten, um zu heilen und sich zu verschließen.

Auf dieser Seite wuchs der Baum danach natürlich auch nicht mehr so stark – aber wenige Jahre später rief ihr Nachbar wieder über den Zaun hinweg, das ihn jetzt die Zweige störten, die nun über die gemeinsame  Grundstücksgrenze zu ihm herüber wuchsen.

Wieder nahm der Mann seine Säge und stutzte den Baum auch auf dieser Seite, denn er wollte keinen Streit mit dem Nachbarn. So war allen recht getan. Der Baum bekam neue Narben, aber wuchs weiter, weil Bäume das nun mal tun.

Eines Tages fiel den beiden auf, dass der Baum in letzter Zeit besonders in die Höhe gegangen war. Und wegen der schönen Laubfärbung blieben manchmal Leute stehen und schauten sich das Farbspiel des Baumes an. Die Beiden aber fühlten sich beobachtet, auf ihrer kleinen Terrasse.

„Bring ihn auf das rechte Maß herunter“, bat die Frau, „so geht es nicht weiter. Alle schauen immer zu dem Baum hin, und er nimmt uns auch das Licht, in dem wir uns sonnen wollen.“ Den Mann störte die Aufmerksamkeit der Leute auch, und auch er wollte gerne mehr im Licht sein, daher holte er die Säge und stutzte den Baum auf ein für ihn erträgliches Maß zurück.

 

Jahre später saßen die beiden dann eines Tages auf der Terrasse, ein kleiner Schirm gab ihnen nun Schutz vor der prallen Sonne – denn der Baum konnte ihnen nicht mehr genügend Schatten spenden. Beide schwiegen. Aber manchmal, wenn sie so über ihr Leben nachdachten,  fragten sich beide im Stillen:

 

„Wie schön der Baum wohl geworden wären, wenn wir ihn hätten einfach wachsen lassen?“

 

… und DU – was hätte aus Dir werden können, wenn Deine Eltern Dich rückhaltlos und bedingungslos hätten wachsen lassen? Lies mehr dazu hier

Aber es ist nie zu spät, die eigenen Talente und Potenziale zu entwickeln. Ich unterstütze auch Dich gern dabei!

 

 

 

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